Erziehung

Warum es mich nervt, dass ein Kind später etwas werden muss!

“Wenn sie so weiterbastelt wird sie später bestimmt mal ein Ingenieursstudium beginnen ;-)”

“Sie spielt mit einer Werkbank? Dann wird sie später Mechanikerin!”

“So wie sie auf der Tastatur herumtippt wird sie garantiert IT studieren!”

… und so weiter und so fort – ich kann es nicht mehr hören!

Meine Tochter kann nicht einfach Kind sein, aus ihr muss ja was werden. Am besten ja noch ein Beruf, den sonst fast nur Männer ausüben. Sexismus hallo!? Jedes noch so kleine Talent oder Interesse wird aufgegriffen und wild hineininterpretiert, was sie später an Leistung erbringen kann und somit ein “wertvolles” Mitglied in der Gesellschaft wird.

Ich weiß genau was ich mir schon alles anhören musste, als ich klein war. In der Grundschule hatte ich in allen Fächern gut zu sein und mich natürlich für alles zu interessieren. Was war die Empörung meiner Oma riesig, als ich mich nicht für den Blutkreislauf begeistern konnte. In schwarz-weiß, in schlechter Qualität abgedruckt, sollte ich also irgendwas auswendig lernen, was sich in meinem Körper befand. Dabei schien draußen die Sonne und ich hätte ein Eis essen können.

Mathematik musste mir von meinem Vater “eingeprügelt” werden, nein er hat mich zum Glück nie geschlagen. Ein einziges Mal hat er vor Frust auf den Tisch gehauen, weil ich seinen Erklärungen einfach nicht folgen konnte. Meine Mutter hatte uns zusammengesetzt und das hat nicht funktioniert.

Als ich etwa 12 Jahre alt war wurde ich ständig gefragt was ich denn später mal werden wolle. “Keine Ahnung, weiß ich noch nicht…” war meine Antwort. Wieder Empörung – ich müsse doch einen Traum haben und meine Oma wusste das in ihrem Alter schließlich auch schon längst. Ich fing tatsächlich an mir irgendwas auszudenken, damit ich immer eine Antwort parat hatte; ich glaube ich wollte “Grundschullehrerin” werden.

In meiner Familie väterlicherseits sind alle Akademiker. Opa Professor, 1. Onkel Professor, 2. Onkel Doktor mit Auszeichnung, Oma hat zwar die drei Jungs groß gezogen, aber war trotzdem vorher an der Uni, Papa jetzt auch Professor. Dementsprechend herrschen aus dieser Richtung gewisse Leistungsansprüche. Ausbildung und Studium das nonplusultra – Wissen ist Macht! Alles im Leben ist zielführend und natürlich muss ein Plan da sein, was in der Zukunft getan wird. Und dann kommt da ein kleines verträumtes Mädchen daher, das in diese Vorstellungen so gar nicht reinpasst. Ich wollte einfach nur Kind sein dürfen, einfach leben und Spaß haben. Heute bin ich wohl das schwarze Schaf der Familie, eine Enttäuschung. Stört mich übrigens gar nicht mehr! 😉

Und jetzt kommen schon aus verschiedenen Richtungen diese Bemerkungen über die Zukunft und Verantwortungsvorwürfe gegenüber meiner Tochter! Sie ist verdammt nochmal nicht mal 3 Jahre alt! Sie lernt doch gerade erst sprechen! Wie soll sie sich denn normal entwickeln, wenn ich jetzt bereits anfange sie auf Teufel komm raus in irgendeine Richtung zu drängen und massiv zu fördern? Was bleibt ihr dann noch von ihrer befreiten Kindheit? Ich müsste ihr dann bestimmtes Spielzeug hinstellen und ihr nur noch ein Programm bieten, das darauf abgestimmt ist. Sie loben, strafen, ermahnen, schimpfen usw… Das ist doch kein Leben…das ist Manipulation!

Meine Tochter soll nicht werden – meine Tochter soll sein dürfen!

Was habe ich denn davon, wenn ich sie in meine Erwartungen reindrücke und damit ihre wahre Leidenschaft unterdrücke? Woher will ich dieses Wissen nehmen was das Beste für sie ist und womit sie nachher erfolgreich wird? Was ich wirklich für sie will? Natürlich, dass sie glücklich ist… aber die Zukunft kann ich doch nicht beeinflussen. Ich kann nur jetzt da sein! Sie lassen wie sie ist, sie begleiten, durch alle Gefühle und Lebenslagen. Ich kann ihr vorleben, dass ich glücklich bin und was ich sehe: Sie ist ebenso glücklich! Sie ist so ein wunderbarer Mensch und ich genieße diese tolle Bindung, die wir aufgebaut haben.

Um nichts in der Welt würde ich ihr irgendeine Zukunft aufpressen wollen, denn ich will sie weiterhin so erleben wie sie jetzt ist und wie sie sich weiterentwickelt!

Also hört bitte auf mit euren nervigen Sprüchen über Studium und Ausbildung und Berufen! Hört auf euch da einzumischen! Was meine Tochter später interessiert und macht – das ist ganz alleine ihre Entscheidung und ihr ganz persönlicher Weg! Da hat keiner – wirklich NIEMAND – dran herumzupfuschen!

Hui, das waren eine Menge Ausrufezeichen und vielleicht mal ein etwas explosiver Beitrag, aber das musste jetzt einfach raus! 😉

Möge der Shitstorm beginnen!

Deine Julia

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