Erziehung

Warum wir auf Erziehung verzichten – Ein Brief an meine Schwiegereltern

Mein Mann und ich befinden uns derzeit im Briefwechsel mit seinen Eltern; über Erziehung, Beruf und unsere Beziehung (zwischen uns und unserer Tochter, sowie zu unseren Schwiegereltern). Anfangs haben wir uns sehr geärgert, dass sie dermaßen versuchen uns reinzureden, uns falsche Dinge unterstellen und uns Konfliktvermeidung vorwerfen. Mir ist aufgefallen, dass ich mir vieles davon einfach im Kopf selber so dargestellt habe, reininterpretiert und nicht aus der anderen Perspektive gesehen habe. Also habe ich angefangen zu graben und zu reflektieren und PLOPP – plötzlich habe ich diese riesige Chance wahrgenommen! Meine Schwiegereltern haben durch die Briefe einen Weg gefunden mit uns in den Dialog zu treten und wir haben die Möglichkeit unsere Meinungen und Gefühle auszutauschen; nichts anderes also als unsere Beziehung zu verstärken. Keiner muss nachher die Meinung des anderen übernehmen, aber wir können sie akzeptieren und uns besser kennenlernen.

Hier sind also Ausschnitte aus unserem letzten Brief an meine Schwiegereltern, in dem wir unsere Haltung und Wertevorstellung erklären:

Die Gesellschaft befindet sich im ständigen Wandel und wir versuchen unser Bestes uns selbst darin zurechtzufinden und Emily auf diesem Weg zu begleiten. Natürlich wissen wir, dass wir nicht alles hundertprozentig richtig machen und natürlich machen wir Fehler. Das gehört zum Leben dazu und ist wichtig für die Entwicklung. Auch ist es allen Eltern überlassen ihre Kinder zu erziehen wie sie es für richtig halten. Wir haben leider öfter das Gefühl oder eher gesagt wurde es durch den Brief jetzt bestätigt, dass Ihr mit unserer “Erziehung” von Emily nicht einverstanden seid und Euch indirekt angegriffen fühlt, weil wir vieles anders machen. Bitte nehmt unsere Haltung nicht als Kritik an Eurer Erziehung! Auch Ihr habt Euer Bestes als Eltern getan, ob Ratgeber oder nicht und aus euren Söhnen sind zwei wunderbare Männer geworden. Wir können auch verstehen, dass Ihr Euch Sorgen macht was aus Emily wird und ich hoffe wir können Euch diese in den nächsten Sätzen ein wenig nehmen.

Zum Umgang mit Medien und Natur:

Ich freue mich auch sehr darüber, dass Ihr eine schöne naturverbundene und freie Kindheit hattet. Allerdings bedeutet das nicht, dass Kinder heutzutage das nicht auch haben können. Anders als Ihr und mit Medien verbunden, aber ebenso erlebnisreich. Emily hat im Wald ohne jegliche Spielsachen genauso viel Spaß wie vor dem Fernseher oder bei der Tagesmutter mit anderen Kindern. Die Medien bedeuten einfach nur eine andere Art Erlebnis. Sie erweitern ihre Sprache, lernen neue Sprachen, entwickeln ihre Phantasie und Kreativität – das nennt sich heutzutage Medienkompetenz und was von einigen Erwachsenen erst mühsam erlernt werden muss machen Kinder heutzutage mit links. Da wir nicht in den USA leben ist es Emily daher genauso ermöglicht später alleine Ausflüge mit ihren Freunden zu unternehmen wie euch damals.

Oft versuchen wir unsere Erlebnisse in unsere Kinder hineinzuprojezieren. Was uns gefällt und uns Spaß macht muss für unsere Kinder auch gut sein. Das stimmt aber nicht, denn jedes Kind, überhaupt jeder Mensch ist sehr individuell und entwickelt sich auf seine Art und Weise. Für die eine Mutter ist ein Tag am Strand und am Meer Entspannung und Spaß pur, aber ihr Kind kann damit gar nichts anfangen und will lieber den gesamten Tag lesen.

Wichtiger ist es unsere Kinder anzunehmen wie sie sind und ihre eigenen Interessen zu beobachten und zu fördern.

Meine Schwiegereltern kritisierten den Umgang unserer Tochter mit Lebensmitteln und baten darum ihr wegen der Verschwendung Grenzen zu setzen:

Die Geschichte mit den Lebensmitteln können wir sehr gut nachvollziehen und verstehen, auch wenn wir keinen Nahrungsmangel erleiden mussten. Meine Mutter hat früher sehr viel Landschaftsgärtnerei im Kleingarten meiner Oma betrieben und daher gab es oft Bio-Gemüse und -Obst in meiner Kindheit. Daher koche ich auch heute gerne bewusst und wir ernähren uns auch dementsprechend. Wir schmeißen ungerne etwas weg und solange die Lebensmittel auch nach Ablauf des MHD noch gut sind essen wir sie.

Emilys Phase war schwierig, aber völlig normal. Ich möchte Euch im Nachhinein bitten den Blickpunkt etwas zu ändern. Was Emily mit dem Essen gemacht hat war keinesfalls Verschwendung oder ohne Grund damit spielen. Im Gegenteil, hier unterscheiden wir zwischen Verschwendung und Nutzung. Habt ihr mal etwas zweckentfremdet um zu einem Ziel zu gelangen oder etwas zu erforschen? Garantiert!

Kinder erforschen mit allen Sinnen und besonders auch Essen. Was macht die Kartoffel für Geräusche wenn sie vom Tisch fällt? Wie fühlt sich der Brei an wenn ich ihn mit den Händen über den Tisch reibe? Die Lebensmittel werden erlebt und erforscht auf alle Arten und Weisen und darüber lernen die Kinder diese auch kennen. Mittlerweile macht Emily das nicht mehr, sie hat die entsprechenden Lebensmittel zur Genüge erforscht und kennengelernt. Sie isst sie gerne getrennt, also zum Beispiel Nutella ohne Brot. Brot ohne Aufstrich. Kartoffeln und Fleisch einzeln. Sie mag es nicht gemischt und das ist auch völlig in Ordnung. Jeder von uns hat beim Essen Vorlieben. Meistens essen wir Emilys Reste und der Teil der wirklich noch übrig bleibt ist sehr gering.

Es ging um das Thema Attachment Parenting von Dr. William Sears. Mittlerweile habe ich mich eingehender mit dem Thema beschäftigt und einen tollen Artikel von “Der Tagesspiegel” gefunden: “Kinder sind zwar klein, aber nicht weniger wichtig”

Meine Schwiegereltern dachten wir leben völlig nach seinen Theorien. Inklusive die Mutter hat zu Hause zu bleiben und sich vollständig um das Kind zu kümmern und die Eltern übergehen jegliche Bedürfnisse um dem Kind gerecht zu werden:

Von Dr. William Sears haben wir beide noch nie etwas gehört oder gelesen und richten uns daher nicht nach seinen Vorstellungen oder Theorien.

Es geht uns keinesfalls darum allein Emilys Bedürfnisse zu erfüllen um nachher so ausgelaugt zu sein, dass wir unser eigenes Leben hinten anstellen. Auch sind wir nicht der Meinung, dass die Mutter (also ich) nur für das Kind in den ersten Jahren da zu sein hat oder der Vater das Geld verdienen und nachts das Kleine herumtragen muss. Wir stimmen Euch voll und ganz zu, dass zu einer Beziehung und einer Bindung mehr gehören als nur Wünsche erfüllen. Letzteres ist übrigens nicht erfüllbar und völlig unrealistisch. Damit machen sich die Eltern nur einen riesigen Druck.

Daraus schlussfolgerten sie außerdem, dass wir Konfrontationen meiden, niemals “Nein” sagen und unsere Tochter machen lassen was sie will:

Zuerst einmal möchte ich berichtigen, dass wir nicht im traditionellen Sinn ,,erziehen”. Umgangssprachlich wird das in diversen Foren und im Internet auch ,,Unerzogen” genannt, aber Ihr würdet dort viele falsche Informationen finden.

Grundlegend geht es darum mit den Kindern auf Augenhöhe zu leben, sie aber nicht wie Erwachsene zu behandeln. Das heißt, dass wir darauf verzichten, unsere körperliche und geistige Überlegenheit einzusetzen, um unsere Bedürfnisse gegenüber Emily durchzusetzen, es sei denn sie befindet sich in Gefahr. Wir sind als Eltern ihr Vorbild und behandeln sie mit Respekt. Das heißt auch, dass wir nicht versuchen sie auf die Zukunft vorzubereiten, indem wir ihr sinnlose Regeln eintrichtern sondern wir begleiten sie auf ihrem Weg. Auf dieser Basis kann sie von uns lernen ein selbständiger und individueller Mensch zu werden.

Wir erlauben Emily nicht alles was sie will, sondern wir betrachten dazu was der Grund dahinter ist. Warum will sie das und was braucht sie wirklich? Wir sind soziale Wesen die in der Gesellschaft nicht alleine überleben können. Finden wir den Grund für das Verhalten können wir darüber reden und nach Lösungen suchen.

Wir setzen Emily keine Grenzen; Grenzen sind bereits da! Was wir tun ist sie in ihrem Frust zu begleiten, wenn eine Grenze auftaucht. Sei es eine unserer oder eine gesellschaftliche. Damit ist gemeint, dass sie zum Beispiel eine Grenze überschreitet, wenn sie uns schlägt oder einfach auf eine befahrene Straße rennen möchte. Indem wir ihr zeigen und erklären was und warum es diese Grenzen bereits gibt und diese auch selbst einhalten wird sie ganz von alleine lernen. Natürlich gibt es hier auch nochmal den Unterschied zwischen sinnvollen Grenzen und sogenannten Glaubenssätzen. Es gibt viele Sätze mit denen Kinder dazu gebracht werden sollen etwas zu tun oder zu lassen. “Mit dem Essen spielt man nicht!” oder “So wird sie das nie lernen!” und viele viele mehr. Ich hinterfrage diese Sätze und gucke hin – was ist wirklich sinnvoll oder wahr?

Als Eltern ist es so einfach das Machtverhältnis auszunutzen. Das Kind ist klein, ist von uns abhängig und kann sich nicht wehren. Wie soll es denn Selbständigkeit erlernen wenn wir ihm permanent unseren Willen aufdrücken? Ich weiß das sehr genau, denn das wurde mit mir als Kind durchgehend gemacht und ich erlerne jetzt erst mühsam und Schritt für Schritt was es bedeutet für mich und nicht für andere zu leben. Dabei ist es gar nicht so schwer diese ewigen Machtkämpfe zwischen Kind und Eltern zu beenden. Indem wir Emily lassen wie sie ist und sie begleiten kann sie sich völlig frei entwickeln. Dazu gehören natürlich auch Konflikte! Keine Machtkämpfe, aber richtig streiten ist wichtig. Auch das habe ich leider nie lernen dürfen in meiner Kindheit, umso mehr möchte ich mich da mit Emily weiterentwickeln. Wir dürfen unsere Gefühle leben, es ist völlig in Ordnung Nein zu sagen und natürlich auch Konflikte zu leben.

Schlimmer ist es gegen sich selbst zu reden und damit “leise gemein” zu sein. Das heißt ich sage zu Emily “Ja ist in Ordnung”, dabei finde ich das überhaupt nicht gut und später bin ich sauer auf sie, weil ich mich selbst belogen habe. In der “klassischen” Erziehung würde ich dieses Nein mit allen Mitteln umsetzen wollen. Notfalls, indem das Kind mit der eigenen körperlichen oder verbalen Macht “überwältigt” wird. Genau das machen wir nicht. Wir sagen offen und deutlich, dass wir etwas nicht gut finden, aber wenn sich Emily nicht in Gefahr befindet darf sie selbst entscheiden, ob sie das Nein annimmt.

Wir stellen Emilys Bedürfnisse nicht über unsere, sondern wir versuchen immer eine Balance zu halten. Das heißt kreativ werden, Rituale einführen und ändern, uns anpassen und uns miteinander weiterentwickeln. Es ist manchmal sehr anstrengend und wir machen auch Fehler, aber wir lernen daraus und es ist wirklich schon sehr viel besser geworden. Emily schläft fast immer durch, sie entwickelt sich hervorragend und wir haben eine starke und wunderbare Bindung zu ihr aufgebaut. Sie hat einen klaren eigenen Willen, den sie in Zukunft noch prima einsetzen kann.

Ich mache mir keine Sorgen darüber, dass sich auch ihre Empathie völlig normal entwickeln wird. Das besondere Privileg der Menschen ist, dass sie in der Lage sind, ihre eigene Entwicklung zu reflektieren und zu lenken. Dies wollen wir auch Emily ermöglichen. Was wir hingegen ausdrücklich nicht wollen, ist sie zu formen, also eine bestimmte Entwicklung vorzugeben. Mir wurde dadurch in der Kindheit viel kaputt gemacht, weil ich nicht sein durfte wie ich war. Und ich möchte Emily vorleben wie es ist man selbst sein zu dürfen und dabei begleitet und unterstützt zu werden.

Und was ich eben alles über die Beziehung zu Emily geschrieben habe wünsche ich mir auch zwischen uns allen. Ich bin daher sehr froh, dass Ihr uns die Briefe und Eure Meinung geschrieben habt! So kommen wir ins Gespräch und lernen uns besser kennen.

Warum wir unserer Tochter unsere Stimme geben wenn wir zu Besuch sind:

Wir fordern natürlich nicht von Euch, dass ihr die “Unerzogen”-Haltung übernehmt oder bei Emily anwendet. Vielleicht versteht Ihr uns jetzt ein Stückchen besser.

Für uns steht auch ganz klar fest, dass bei unserem nächsten Besuch bei euch Eure Regeln gelten! Auch wenn uns vorher nie eingefallen wäre Emily mit Buntstiften in Eurem Haus freizusetzen oder sie Schokolade auf die Polstermöbel schmieren zu lassen. Es ist ein Unterschied ob wir in unserer Wohnung sind, wo wir die volle Verantwortung für unsere Einrichtung übernehmen oder ob wir woanders zu Besuch sind.

Wofür wir noch keine Lösung gefunden haben ist die Sache mit den Spaziergängen. Euer Bedürfnis ist es spazieren zu gehen oder eine Unternehmung zu machen. Emilys Bedürfnis ist es die Umgebung zu erforschen und nicht dauerhaft am Stück geradeaus zu laufen. Wir werden ihr nicht aufzwingen etwas mitmachen zu müssen, was sie in dem Moment nicht will. Dabei geht es nicht darum, unser eigenes Bedürfnis grundsätzlich dem von Emily unterzuordnen. Es ist eine Abwägung, bei der wir erkennen, dass sie nicht in der Lage ist, unser Bedürfnis als solches zu erkennen. Wenn wir uns in dieser Sache durchsetzen, bestehen wir aus ihrer Sicht nicht auf unsere Bedürfnisse, sondern fordern unreflektierte Gefolgsamkeit. Und das ist es uns nicht wert. In diesem speziellen Fall müsstet ihr dann eben ohne einen von uns und Emily spazieren gehen. Eventuell lässt sie sich auch ein Stück mit dem Buggy fahren, aber früher oder später wird sie spielen und lernen wollen. Da Emily noch nicht für sich einstehen und sprechen kann werden wir ihr daher unsere Stimme leihen und übersetzen was sie gerade benötigt. Stellt euch das so vor als ob ihr von einem Erwachsenen, der gerade eine sehr interessante Pflanze betrachtet, erwartet dass er gefälligst weiter mit euch spazieren zu gehen hat. Würdet Ihr das genauso von ihm fordern? Nein, ich würde ihn fragen und wenn er nicht möchte würde ich eben alleine weitergehen. Genauso respektvoll können wir auch mit unseren Kindern umgehen.

Was das Genießen von unseren Besuchen angeht bin ich gespaltener Meinung. Wir haben den Eindruck, dass ihr eine sehr genaue Vorstellung habt, wie die Besuche zu funktionieren haben. Wenn Emily dann deutlich macht, dass sie andere Pläne hat, wird dies eine Weile zähneknirschend akzeptiert, und dann sind die Erwachsenen dran. Für eine 2 1/2 Jährige erscheint das wie Willkür. Sie wird nicht angenommen, wie sie ist und muss sich an Abläufe anpassen, die sie nicht versteht. Darüber sind wir sehr traurig, denn unsere gesamten Lösungsvorschläge damals wurden abgelehnt und der Besuch war sehr anstrengend für uns.

Wir würden gerne in Zukunft unsere Zeit mit euch so organisieren, dass Emily nicht an Aktivitäten teilnehmen muss, die sie als aufgezwungen wahrnimmt. Dann würde einer von uns mit ihr eben etwas anderes unternehmen. Alles andere würde sowohl ihr, als auch uns die Aktivität zu einem sehr frustrierenden Erlebnis machen.

Mittlerweile hat sich Emily weiterentwickelt und es wird sicher zunehmend einfacher sein eine Beziehung zu ihr aufzubauen, aber sie ist immer noch ein Kleinkind bei dem sich die Empathie erst entwickelt. Bitte gebt ihr einfach Zeit und ein bisschen Aufmerksamkeit! Wenn ihr sie respektiert und liebevoll behandelt, dann wird sie das eines Tages zurückgeben, aber erzwingen lassen sich die Gefühle nicht.

Wir sind bereits sehr gespannt auf die Antwort und wie der Dialog weitergehen wird!

Vielleicht hilft Dir dieser Brief ein wenig dabei “erziehungsfrei” besser zu verstehen oder auch eine Möglichkeit zu finden mit deinen Eltern oder Großeltern in’s Gespräch zu kommen; sofern du das möchtest.

Bis bald wieder und liebe Grüße

Deine Julia

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