Geburt

Meine Traumgeburt, die zum Alptraum wurde

Triggerwarnung:

Ich schreibe nachfolgend über meine ganz persönlichen und schmerzhaften Erfahrungen, die ein Trauma und schwere Depressionen in mir ausgelöst haben. Wenn du selbst schlimme Erfahrungen hattest und mit diesen noch nicht so gut klar kommst – lies bitte nicht weiter!

Vorab kann ich sagen, dass ich mich immer noch in einem Prozess befinde. Ich weine bei jedem Satz den ich jetzt schreiben werde, aber das ist gut so. Ich kann den Schmerz jetzt annehmen und die Tränen als Befreiung annehmen. Ich will und muss über die Erlebnisse schreiben, denn schreiben hat mir schon immer geholfen. Einmal niedergeschrieben muss ich die Erlebnisse nicht ständig in meinem Geist wiederholen. Auch wenn sie nie in Vergessenheit geraten werden sind sie nicht permanent präsent und schmuggeln sich in meinen Alltag.

Alles begann fast genau vor drei Jahren. Ich wurde ungewollt schwanger und war am Boden zerstört. Im ersten Moment konnte ich die Situation nicht fassen und nicht annehmen; ich dachte nur daran wie ein Baby meine Zukunft kaputt macht. Und das schlimmste: Wie sage ich es meinem damals noch Freund und meiner Familie. In meinen Gedanken hörte ich sie alle schimpfen und mich verurteilen. Es kam ganz anders und es gab auch nur einen Menschen, der sich nicht freute. Kurz nach dem Ergebnis des Schwangerschaftstests stand ich unter der Dusche und legte die Hände auf meinen Bauch – mir wurde plötzlich bewusst, dass da ein kleines Wesen beginnt zu leben. In mir! Bei meiner wunderbaren Frauenärztin sah ich den Herzschlag und ich war kurz vor den Tränen. Ich wollte das kleine Knöpfchen um jeden Preis behalten!

Meine Schwangerschaft war nicht ganz so schön. Die ersten Wochen war mir von morgens bis abends übel, inklusive übergeben wenn ich nicht rechtzeitig nach dem aufstehen einen Kräcker aß. Dann kamen fiese Migräneschübe und ständige Müdigkeit. Teilweise schlief ich nachts 12 Stunden und mittags nochmal 1-2 Stunden. Beim Arzt wurde festgestellt, dass ich Gestationsdiabetes hatte und ich musste vier Mal am Tag meine Finger zerstechen um den Blutzuckerwert zu messen. Der Wert war eigentlich nur morgens zu hoch und das konnte ich regeln, indem ich auf Zucker zum Frühstück verzichtete. Das war hart, mir schmeckt kein herzhaftes Essen morgens, aber ich habe es überlebt. Zum Ende der Schwangerschaft wurde mein Bauch riesig, also wirklich gigantisch. Meine Frauenärztin meinte nur ich hätte eben viel Fruchtwasser und meine kleine Tochter hätte schon lange Beine – kein kleines Baby. Vier Tage war ich über dem errechneten Termin und musste zur regelmäßigen Untersuchung in’s Krankenhaus, da meine Ärztin leider nicht da war. Dort bekam ich einen gefühlt halbstündigen Vortrag wie gefährlich es sei noch keine Einleitung bekommen zu haben, das Baby würde viel zu groß werden wegen des Diabetes und es käme zu Komplikationen bei der Geburt. Ich solle sofort entscheiden, ob ich jetzt im Krankenhaus bleiben würde, spätestens am nächsten Tag, ansonsten müsste ich schriftlich Widerspruch einlegen usw. usf… Natürlich wuchs meine Panik und ich wollte meine Tochter endlich zur Welt bringen.

Also lieferte ich mich am selben Tag (ein Freitag) ein und ließ die Einleitung zu. Die Schmerzen waren schlimm und anstrengend, ich konnte nur mit Schlaftabletten schlafen. Den Samstag über verbrachte ich mit Schmerzen, aber es tat sich nichts am Muttermund. Mein Mann konnte ab dieser Nacht zum Glück bei mir Zimmer schlafen. Am nächsten Morgen (Sonntag) begannen gegen 7 Uhr die Wehen in ungefähr 15 Minuten Abstand und ich hatte gar keine Einleitung bekommen. Endlich ein gutes Zeichen! Trotzdem bekam ich morgens die Einleitungstablette auf den Muttermund. Den Eingriff empfand ich jedes Mal als sehr schmerzhaft. Die Wehen wurden tatsächlich stärker und traten in kürzeren Abständen ein. Der Muttermund öffnete sich ein klein wenig, aber nicht viel. Mittags bekam ich statt einer Tablette nur noch Gel draufgestrichen und ich durfte ein wenig in der Badewanne entspannen. Unzählige Male kam ich gefühlt an’s CTG und wurde untersucht. Es ging nur müßig voran. Ich atmete jede Wehe so gut ich konnte weg und dachte dabei immer nur daran, dass meine Tochter bald da ist, dass die Geburt bald richtig los geht. Im Kreissaal hatte ich eine tolle Hebamme, die ich bereits aus dem Geburtsvorbereitungskurs kannte. Ich begann auf dem Peziball rumzuhängen, natürlich mit dem Tuch, das von der Decke hing. Trotzdem tat sich am Muttermund kaum etwas. Kurze Zeit später wurde mir plötzlich schlecht und ich übergab mich zum ersten Mal in den Mülleimer. Die Schmerzen durch die Wehen wurden schlimmer. Bei der nächsten Untersuchung auf dem Kreisbett platzte die Fruchtblase und ein ganzer See breitete sich aus. Mein Mann saß verdutzt mittendrin und musste erst mal auf Station zurück und sich eine neue Hose anziehen. Ich war voller Hoffnung, dass es jetzt endlich losgehen würde mit der Geburt. Mittlerweile hatten wir späten Abend. Der Muttermund war wohl etwa zur Hälfte offen, immer noch nicht genug. Meine Hebamme schlug mir homöopathische Schmerzmittel vor und ich nahm sie dankbar an. Sie machten die Wehen tatsächlich erträglicher. Ich weiß nicht mehr genau wann ich anfing zu zittern, aber es müsste in dem Zeitraum gewesen sein. Mein Körper war bereits ausgelaugt von der Einleitung, der fehlenden Nahrung und den ständigen Muskelkontraktionen. Wieder musste ich mich übergeben. Ich konnte meinen Körper nicht mehr unter Kontrolle bringen und das zittern nervte mich sehr. Schließlich half das Schmerzmittel nicht mehr und ich bekam eine PDA. Es dauerte etwas bis der Arzt mit Assistentin kam, ich die Formulare unterschrieben hatte und die Nadel in den Rücken bekam. Er bat mich kurz vor dem stechen darum mit dem zittern aufzuhören. Ich weiß im nachhinein nicht mehr wie ich dazu fähig war, aber für eine halbe Minute oder so gewann ich die Kontrolle zurück und dann waren die Schmerzen weg. Mittlerweile waren wir schon in den frühen Morgenstunden und ich konnte tatsächlich neben meinem Mann ein wenig dösen, der trotz zwei Kannen Kaffee schlief. Ich bin so unendlich dankbar, dass er fast die gesamte Zeit an meiner Seite war. Meine Hebamme hatte Schichtwechsel und musste vor der Tür die Ablöse einweisen. Gefühlt dauerte es Stunden und die Schmerzen kehrten zurück. Schlimmer denn je und kurze Zeit später hatte ich nicht mehr nur Wehen sondern es gab einfach nur einen Wechsel zwischen Schmerz und noch schlimmerem Schmerz. Ich zerquetschte die Hand meines Mannes und ich hörte nicht mehr auf die Wehen durchzuatmen. Durch die Nase einatmen. Durch den Mund nicht zu schnell wieder ausatmen. Zittern, atmen, stöhnen – dann fing ich an zu schreien. Mir kam nicht mal mehr in den Sinn nach der Hebamme zu rufen oder einen Knopf zu drücken. Ich glaube eine halbe Stunde ging es so bis sich der Raum plötzlich mit Menschen füllte. Anästhesist und Assistentin, Oberarzt und Ärztin, zwei Hebammen, dazwischen irgendwo mein Mann. Die Hebamme untersuchte den Muttermund, er war komplett offen und ich sollte versuchen zu pressen. Es tat unglaublich weh und ich presste meine Zähne zusammen. Nichts passierte. Nur zittern und Schmerzen. Die Ärztin brachte ein Ultraschallgerät herein und sah das Problem. Meine Tochter (Sternenguckerin) arbeitete gegen mich. Sie hatte sich so weit ausgestreckt wie möglich und sperrte sich gegen die Geburt. Das Fruchtwasser war zum Teil bereits grün. Der Arzt stellte mich vor drei Optionen: Weitermachen und auf eine normale Geburt hoffen, die Ärzte nachhelfen lassen oder ein Kaiserschnitt. Ich war schon völlig fertig und hätte vor lauter Schmerzen zu allem Ja und Amen gesagt, aber da kam bereits die nächste heftige Wehe und ich versuchte unter Anleitung zu pressen. Die Ärztin warf sich plötzlich mit ihrem Arm auf meinen Bauch und drückte mit. Es war übrigens immer die gleiche von Anfang an. Ich glaube in dem Moment habe ich nur noch gebrüllt. Genau weiß ich nicht mehr wie oft ich dann noch versucht habe die Geburt in Gang zu kriegen, aber der Arzt blickte auf die Uhr und fragte ob ich einen Kaiserschnitt möchte. Ich stimmte direkt zu. Ich konnte nicht mehr, ich wollte nur noch schmerzfrei sein und ich hatte riesige Angst um meine Tochter. Dann ging alles recht schnell, mir nicht schnell genug. Ich unterschrieb die Einwilligung für den Kaiserschnitt und die Hebamme versuchte mir aus dem Kreisbett auf das Transportbett zum OP-Raum zu helfen. Ein weiteres Mal musste ich mich übergeben und schließlich rüberhieven lassen, da mich meine Beine nicht mehr hielten. Im OP-Saal waren gefühlt 20 Menschen die hektisch um mich herumwuselten und der Anästhesist verstärkte die PDA. Mit einem Kühlakku prüfte er regelmäßig wie viel ich noch fühlte. Mir ging es viel zu langsam. Trotzdem erinnere ich mich an die unglaubliche Erleichterung, als die Betäubung endlich meinen Bauch erreichte und die Schmerzen weg waren. Das zittern stellte sich leider nicht ein. Kurze Zeit später durfte mein Mann zu mir und ich hörte und spürte wie die Ärztin meinem Bauch herumzerrte. Sie sagte sowas in der Art: “Reißen wir hier auf?” Daher meinte ich nur schnell: “Kannst du mich ablenken?” Mein Mann nur: “Öh, ähm… Deutschland hat gegen Ukraine zwei zu null gewonnen!” Ich war völlig perplex, jedenfalls hat die Aussage gut gewirkt. 2016 fand gerade die EM statt und das war das erste Deutschland-Spiel. Er hatte den Artikel im Caféraum gesehen. Kurze Zeit später brüllte meine kleine Tochter und ich war nur noch glücklich. Ich wollte wissen ob sie gesund ist. Während ich wartete beglückwünschten mich die Umstehenden. Ich weiß nicht genau wer da alles war, aber sie waren sehr nett. Dann kam mein Mann und legte mir meine schreiende Tochter auf die Brust. Ich war so verkabelt an den Händen, dass ich sie nur mit einer stützen konnte. Leider sah ich durch den Mundschutz nur ihr Gesicht und eine kleine Hand. Sie hatte dunkle Haare und noch ein wenig Blut im Gesicht, ihre Finger gingen auf und zu. Dabei brüllte sie mich an. Ich weiß nicht mehr was ich zu ihr gesagt habe, aber ich habe fast geweint. Es war übrigens Montagmorgen – meine Tochter wurde um 7:34 Uhr zur Welt gebracht.

Dann wurde sie mir wieder weggenommen und nachdem ich zusammengeflickt war kam ich in den Aufwachraum. Mir war kalt und ich zitterte und ich war irgendwie glücklich, aber ich wollte nur noch zu meiner Tochter. Um mich herum wurden ständig Leute reingeschoben, andere wieder hinaus. Nach drei Stunden schoben sie mich endlich zurück auf Station und ich konnte mich an meinem Baby nicht satt sehen. Das zittern hörte auf und als ich meine Füße wieder bewegen konnte durfte ich auch endlich etwas trinken. Ich durfte meine Kleine sogar stillen als sie Hunger bekam und es klappte auf Anhieb. Die Schmerzen des Kaiserschnitts waren nachher nichts im Gegensatz zu den Schmerzen der Wehen.

Ich war sehr froh, als ich wieder nach Hause durfte, aber es störte mich sehr, dass ich mich anfangs kaum um meine Tochter kümmern konnte. Durch den Kaiserschnitt konnte ich sie nicht wickeln oder umziehen, sie nicht tragen. Zum Glück funktionierte das stillen, auch wenn meine Brustwarzen schon nach kürzester Zeit total wund waren. Meine Geburtsgeschichte erzählte ich natürlich meiner Familie, aber ich bekam meist die gleiche Reaktion. Sie guckten mitleidig, wussten nicht was sie dazu sagen sollen und meinten schlussendlich: “Hauptsache die Kleine ist gesund!” Meine Mama nahm mich zwar in den Arm und war auch eine riesige Hilfe in den ersten Monaten, aber ich fühlte mich mit meinem Schmerz alleingelassen.

Da meine Tochter sich zu einem Schreibaby entwickelte und mein Mann und ich im ersten Jahr kaum Schlaf bekamen, hatte ich keine Zeit um das Erlebnis zu verarbeiten. Es holte mich nach und nach immer mehr ein. Wutausbrüche, weinen, Suizidvorstellungen, völliges aufgeben. Ich befand mich in einem Loch und fand nicht mehr alleine hinaus. Es kam mir immer so vor, als hätten die anderen zwar auch nicht unbedingt schöne Geburten gehabt, aber keine war so schlimm wie meine. Sie schrieben darüber wie sie die Schmerzen bereits vergessen hatten und ich saß da und konnte jeden Moment der Tortur nachfühlen. Dann machte meine gute Freundin mich auf eine Gruppe aufmerksam, die offen und ehrlich in Facebook über Unerzogen schrieb. Ich fing eine Therapie an und lernte gleichzeitig, dass ich nicht alleine bin. So viele Frauen, die traumatische Geburtserlebnisse haben und so viele, die nicht darüber reden!

Seit einem Jahr nun bin ich am reflektieren und ich machte mir besonders Gedanken darüber was ich an der Geburt so schlimm fand. Es fühlt sich nicht an wie eine Geburt, da meine Tochter nicht rauswollte und ich eigentlich gerne gewartet hätte, bis sie von alleine rauswill. Das ist der Fehler den ich gemacht habe. Ich habe meiner Tochter und mir aus Panik nicht die nötige Zeit gegeben. Schuldgefühle habe ich keine mehr; ich habe Mitgefühl für mich – denn ich wollte damals auch nur das Beste für mein Baby. Mir hat es außerdem gefehlt meine Tochter nach der Geburt bei mir und auf mir liegen zu haben. Sie mein Herz und meine Haut spüren zu lassen, Nähe zu geben und sie nach Bedarf zu stillen. Das war ein inniger Wunsch von mir. Und ich hätte mir mehr Mitgefühl von meiner Familie und meinem Mann gewünscht. Einfach eine Umarmung und das es ok ist zu weinen, das es ok ist das es mir schlecht geht. Letztendlich habe ich mir das jetzt selbst geben müssen.

Viele Bedürfnisse wurden nicht erfüllt; ich hatte schlimme Schmerzen und es war fast durchgehend ein Alptraum. Die Monate danach wurden nicht einfacher. Zu dem Satz “Es wird besser!” schreibe ich ein anderes mal… ich hasse ihn! Die letzten Monate waren eine tiefgehende Reise zu mir selbst, die ich noch lange nicht beendet habe.

Damit möchte ich auch dir einen Rat mitgeben: Schweig nicht über deine Erlebnisse! Schreib sie auf, erzähl sie jemanden, der dich akzeptiert wie du bist und gib dir keine Schuld an dem was passiert ist! Wir wollen alle das Beste für unsere Kinder und in diesen Momenten sind wir leicht zu beeinflussen – von Ärzten, von der Familie. Entscheide selbst was du willst, wäge ab und lass dir keine Angst einreden!

Meine nächste Geburt wird eine richtige, vielleicht sogar eine Hausgeburt. Und ich weiß, dass ich eine haben kann. Ich lasse mir keine Einleitung mehr aufquatschen, das habe ich gelernt! Und das wichtigste: Meine Tochter, die ich lange nicht lieben konnte, und ich haben eine sehr tiefe und innige Beziehung zueinander aufgebaut.

Der Alptraum hat uns nicht kaputt gemacht, er hat uns stärker gemacht!

Liebe Grüße,

Deine Julia

3 Kommentare

  • Verena

    Liebe Julia,

    fühl dich bitte ganz ganz arg lieb von mir umarmt, wenn ich darf. Ich finde es wahnsinn was du für deine Tochter getan hast. Deine Tränen raus zu lassen, den Schmerz zu durchfühlen, deine Gefühle anzunehmen, all das ist so unglaublich wichtig.
    Du wolltest damals, dass deine Tochter lebt und hast alles für sie gegeben.
    Ich habe viel, viel Mitgefühl für euch beide. Ihr seid wundervoll.

    Ich bin in Gedanken bei dir.

    • Julia Otte

      Liebe Verena,

      herzlichen Dank für deine lieben Worte!
      Es ist unglaublich wie viel Mitgefühl ich bekomme, das ist Balsam für die Seele. Und Danke, dass du mich auf meinem Weg begleitest und mir neue Möglichkeiten gezeigt hast!
      Fühl dich auch ganz doll umarmt!

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